Mi
25
Nov
2009
Coaching = Hilfe zur Selbsthilfe?
Es dürfte eines der bekanntesten Paradigmen im Coaching sein: Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe. Gefühlt 19 von 20 Berufskollegen präsentieren Varianten dieses Satzes im Internet. Begründet wird er vielfach damit, dass lediglich eine Lösung, die der Klient selbst finde, eine gute, weil tragfähige sei. Dazu gesellt sich der Optimismus, dass der Klient alles in sich trage, was er zur Lösung seines Problems brauche. Zu verdanken haben wir dieses humanistische und entwicklungsorientierte Herangehen maßgeblich Carl Rogers dem Begründer des klientenzentrierten Ansatzes. Rogers selbst war übrigens nachweislich auch nicht immer non-direktiv, aber das nur am Rande.
In meiner Arbeit mit Menschen und ihren vielfältigen Anliegen stelle ich mir allerdings zwei Fragen:
a) Ist Hilfe zur Selbsthilfe immer durchzuhalten?
b) Ist es überhaupt sinnvoll, im Coaching stets nur Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten?
Die Frage, ob das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe überhaupt sinnvoll ist, stelle ich mir nicht. Natürlich ist es das. Es ist das wichtigste Ziel von Coaching - nach meinem Verständnis - die Handlungsfähigkeit des Klienten zu stärken. Das Claim von trainsform ist übrigens nicht ohne Grund „Vertrauen in Entwicklung". Ich erlebe dies aber nicht im Widerspruch zu der Notwendigkeit, Input zu geben und Meinungen zu äußern. Im Gegenteil, ich stelle fest, dass viele Klienten es sehr schätzen, wenn sie das Rad nicht selbst neu erfinden müssen.
Wenn wir im Coaching mit einem Klienten neue Handlungsoptionen ausloten, bewegen wir uns stets zwischen seinem Wollen (Gefühle, Werte, etc.), Dürfen (Normen, Kontext, Systemgebundenheit, etc.) und Können (Fähigkeiten, Wissen, etc.) hin und her. Neues Verhalten kann dem Klienten nur gelingen, wenn er in allen drei Feldern im grünen Bereich ist. Auf Deutsch: Wer darf und will aber nicht kann, dem ist nicht wirklich geholfen. In dem Fall ist Input angesagt.
Da unsere Welt immer komplexer und dynamischer wird, braucht Coaching in gewisser Weise „Abkürzungen". Manches Mal springt mich eine scheinbar offensichtliche Lösung geradezu an. In dem Wissen, dass ich auch völlig daneben liegen kann, halte ich die Lösung dennoch nicht zurück, sondern biete sie an. Ich tue dies dosiert und ich formuliere weich. Als Vorschläge oder Ideen, die ich auf den Tisch vor uns lege und die wir dann gemeinsam prüfen. Ich kann nicht feststellen, dass dies der Selbstverantwortung des Klienten einen Abbruch täte. Die Entscheidung, dieser Lösung oder einer anderen zu folgen, liegt immer noch bei ihm.
Und als Tipp für die Umsetzung: Von Milton Erickson stammt die My-Friend-John-Methode. „Mein Freund John hatte einmal dasselbe Problem. Möchten Sie hören, was er getan hat ...?"
